
Wieso Vibe Coding 2026 im Marketing ganz wichtig wird
Haben Sie schon mal in zehn Minuten eine eigene Website gebaut, ohne auch nur einen Fetzen Code geschrieben zu haben? Oder eine App? „Vibe Coding“ macht’s möglich – Coding per Chatbot. Warum die GenAI-Technologie in 2026 für Brands immer relevanter wird, erklärt Timm Rotter, Gründer der Münchner KI-Beratung disruptive und der disruptive KI-Akademie, in dieser neuen Folge der W&V-Kolumne „KI für Könner“. Hier lesen Sie die extended Version wie gewohnt paywallfrei.
Inhaltsverzeichnis
Ich habe heute in der Mittagspause ein Computerspiel programmiert. Zugegeben, kein 3D-Jump&Run, sondern „nur“ ein Entweder-oder-Quiz. Dafür war ich aber auch schon fertig, als die Kollegen vom Bowl-Laden um die Ecke zurückkamen. Falls Sie jetzt selbst gerade Mittagspause haben – testen Sie doch mal selbst Ihr Wissen. Kleiner Tipp: In der Kategorie „Käse vs. Künstler“ gibt es Fettecken – ähh -näpfchen.
Genutzt habe ich hierfür das KI-Tool Lovable. Ich hätte gleiches aber auch mit Cursor, Replit, GitHub Copilot, Bolt, Claude Code oder Google AI Studio tun können – die Liste der Vibe-Coding-Anbieter wird länger und länger. Nachdem wir mit GenAI seit drei Jahren Texte, Bilder, Videos und Musik prompten, ermöglicht Vibe Coding nun die Entwicklung kompletter digitaler Interfaces.
Zeit für einen Überblick – und weil das Thema so neu ist, explizit für Einsteiger und Einsteigerinnen. Sollten Sie bereits Coding-Pro sein, scrollen Sie gerne weiter. Leiten Sie den Text zuvor aber den 99 % Ihrer Kollegen weiter, die heute noch nicht wissen, dass auch sie übermorgen coden werden. Auch wenn sie vielleicht keine einzige Zeile Code schreiben.
Genau das ermöglicht Vibe Coding. Der Begriff ist Anfang 2025 entstanden und bezeichnet die KI-gestützte Erstellung von Code durch natürliche Sprache. Aus Texteingaben entstehen digitale Oberflächen – Apps, Formulare, Websites, Mini-Games.
Hier ein weiteres Beispiel, wie das aussehen kann: Diese scheinbare Kampagnen-Landingpage unserer Agentur In A Nutshell, dem Mutterunternehmen von disruptive, haben wir ebenfalls komplett mit Lovable gebaut – Tools wie replit.ai oder auch Google AI Studio funktionieren ähnlich gut.
Der initiale Prompt lautete:
Create a landing page to promote In A Nutshell’s content marketing expertise. Use the following campaigns as a guide: nutshell.de/project/gruene-muenchen and nutshell.de/project/bayernlb. Adhere to the corporate design of nutshell.de/. The CTA should read: Contact us to create your own campaign. Target audience: MarCom experts in medium-sized companies in Germany. Language: German.
Nach drei Iterationen (Mail-to verlinkt, ein Bild getauscht, marginale Textänderungen) war die Seite im jetzigen Status fertig. Testen Sie es selbst – es ist kein statisches Mock-up. Unsere Erfahrung: Auf Englisch gepromptet, hat das Ergebnis mehr Vibe. Mehr solcher Tipps lesen Sie übrigens jeden Monat hier bei uns im KI-Newsletter.
Aber: Würden wir damit live gehen und neue Agenturkunden im Mittelstand suchen?
Nein, weil wir aus 15 Jahren Digital Marketing wissen, dass es noch besser geht und das Replit-Ergebnis nur bei maximal 80 Prozent liegt.L
Drei Dinge, die mich beim Vibe Coding beeindrucken
Allerdings: Es sind 80 Prozent nach gerade einmal 15 Minuten. In der Zeit hätte ein menschlicher Entwickler nicht einmal die erste Code-Zeile formuliert, weil die Konzepterin noch an der User Journey feilte und die Webdesignerin die passenden Icons suchte. Und der Kollege, der die Texte formulieren muss, hätte noch nicht mal das MacBook aufgeklappt …
Drei Dinge sind es also, die Vibe Coding so beeindruckend machen:
- natürlich – wie immer bei KI – die Geschwindigkeit
- dass die Tools verschiedene Fertigkeiten vom Design bis zur Programmierung in sich vereinen
- dass responsive, klickbare Oberflächen entstehen, da KI unsere unstrukturierten Gedanken in so etwas Technisches wie Code verwandelt.
Schaut man sich diesen Code allerdings genauer an, ist die Magie schnell am Ende:
Zwar kann man ihn manuell fortschreiben – die Entwickler-Konsole liefern alle Vibe-Coding-Tools mit – doch ist die Code-Struktur oft so unstrukturiert, so unnötig komplex oder sogar so widersprüchlich, dass selbst professionelle ITler kaum durchblicken. „Ich bekomm’ häufig solche Prototypen. Die schmeiße ich immer weg, übernehme UX und Design und code alles neu“, meinte ein Programmierer neulich.
Mich hat der Satz an die GenAI-Steinzeit, aka Anfang 2024, erinnert, als – aus heutiger Sicht – ChatGPT und Midjourney beeindruckend grottige Texte und Visuals ausgespuckt haben. Haben wir damals 1:1 damit Kampagnen gelauncht? Sehr selten. Aber wir haben sie als Basis für Brainstormings genutzt, als Moodboards und haben mit der nötigen Kreativen Intelligenz sogar Pitches gewonnen.
Das nächste Level: Google bringt Vibe Coding und Agentic AI zusammen
Und heute, zwei Jahre später? Sind viele KI-Texte und -Bilder, wenn man es darauf anlegt, kaum mehr von Menschen-gemachten zu unterscheiden.
Beides lohnt es sich auch in Sachen Vibe Coding im Hinterkopf zu behalten:
- Die Tools sind auf ChatGPT-3.5-Level. Trotzdem sind sie als Inspiration und um Kreativprozesse zu beschleunigen, heute schon Gold wert. Wir hatten neulich erst wieder einen Workshop, wo eine Kollegin live im Meeting die gerade diskutierte Website-Idee per Vibe Coding zum Leben erweckte. Bis dahin war die Diskussion ziemlich zäh verlaufen, jetzt, sobald es etwas zu sehen gab, hatten wir sehr schnell eine Einigung
- Geben wir den Tools ein, zwei Jahre: Google hat mit Antigravity im November eine neue Vibe-Coding-Plattform gelauncht, die es ermöglicht, komplexe Software mithilfe von KI-Agents allein durch natürliche Sprache und Zielvorgaben zu generieren: Mehrere KI-Agenten übernehmen parallel UI- und Backend-Entwicklung, Design und Testing – Entwickler fungieren dabei eher als Architekten und Dirigenten eines digitalen Orchesters denn als Coding-Profis.
Die Verzahnung von Vibe Coding und Agentic AI könnten die Schwelle zur Software-Entwicklung drastisch senken. Ryan Peterman, AI Engineer bei Meta, hat es nach seinem ersten Kontakt mit Vibe-Coding-Tool Cursor bereits vor einem Jahr gesagt: „I realize the value of 80% of my tech skills dropped to zero.“ Verständlich: Wenn alle coden können, verliert die Coding-Kompetenz selbst an Wert.
Allerdings hat Peterman noch einen weiteren Satz gesagt. „The leverage for the remaining 20% of skills went up by at least 10x.“ Hier verhält es sich beim Vibe Coding mit den anderen KI-Anwendungen zuvor: Wirklich herausragende Ergebnisse erreichen wir nur, wenn wir selbst Experten auf einem Feld sind, die richtigen Tools orchestrieren (meine Replit-Prompts schreibt beispielsweise Gemini 3, Claude nutze ich anschließend als Kritiker), und sie sehr präzise briefen bzw. in den nötigen Iterationen nachbessern können.
2026 wird das Jahr, in dem KI in mehr und mehr Aufgaben des Software-Engineering integriert. Das wird dazu führen, dass sich ITler auf sinnvollere Aufgaben konzentrieren werden, die kritisches Denken erfordern, Einfallsreichtum und menschliches Einfühlungsvermögen. Die Frage, ob das jeder Entwickler überhaupt will und wie Führungskräfte den Change moderieren, sei hier nur gestreift – AI & Leadership ist Thema in einer der nächsten Kolumnen.
Diese drei Vibe-Coding-Tools sollten Sie ausprobieren
Damit Sie jetzt auch in den richtigen Coding Vibe kommen, hier noch unsere Top3-Tools:
- Lovable.dev – für Einsteiger:
Sehr intuitive Oberfläche und übersichtliche Projektübersicht im Backend, um bestehende Projekte später weiterzubearbeiten. Komfortabel für Gelegenheitsnutzer ist der täglich neue Kontingent an Credits – das macht es möglich, dauerhaft mit der Gratis-Version zu testen. Hilfreich ist die „Visual edits“-Funktion: Sie markieren mit der Maus einzelne Teile der erstellten Web-Oberfläche und schreiben im Prompt, was Sie genau ändern wollen – den Rest macht die KI.
Bei unserer Test-Landingpage glänzte das Tool zudem mit kreativen Ideen, wie einer Zahlenleiste oder einem selbst formulierten (ziemlich pointierten!) Zitat. - Replit – vorne hui, hinten pfui:
Die Coding-Qualität sei schlechter als bei Lovable, sagen meine Kollegen, die tiefer drin stecken, allerdings ist das Oberflächen-Design professioneller (z. B. was Typografie-Konsistenz und Modulaufbau angeht). Zudem scheint das Tool mehr mitzudenken, welche Features es unbedingt braucht – bei unserer Test-Landingpage etwa die obligatorischen Social-Media-Buttons im Header oder Footer. Die Gratis-Version ist leider sehr limitiert, aber ein erstes Projekt samt ein paar Iterationen können Sie kostenlos erstellen. - Google AI Studio – Aufholjagd
Bei Text-, Bild- und Video-KI ist es Google mit seinen neuen KI-Modellen bereits gelungen, dem Platzhirsch OpenAI den Rang abzulaufen. Und auch im Vibe Coding sagt der Tech-Konzern den führenden Tools den Kampf an. Unsere Test-Landingpage reicherte die Google-KI ungefragt noch um einen interaktiven Kampagnen-Creator an, der sehr brauchbare Kreativideen ausspuckt.
Annotation-Funktion (visuelles Markieren) und GitHub-Sync erfreuen Profis. Etwas lästig ist nur, dass man ein Zahlungsmittel hinterlegen muss, um Projekte zu publizieren. Das reine Publishen allerdings ist kostenlos.
Und noch ein Tipp zum Schluss: Schauen Sie sich unbedingt die Terms of Service (aka Nutzungsbedingungen) an, bevor Sie professionell mit Vibe-Coding-Tools arbeiten: Replit beispielsweise verbietet in der kostenlosen Version die kommerzielle Verwendung.
Ansonsten viel Spaß – und gute Vibes im neuen Jahr!
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