Kleiner Roboter mit rundem Kopf und zwei großen Augen steht vor sitzender Katze vor einfarbigem Hintergrund

Der Roboter, die Katze und Sie

Neulich hat ein Roboter unserem Geschäftsführer Timm Rotter die Hand zum High Five entgegengestreckt. Auf einem Robotics-Afterwork hat er gesehen, wohin die KI-Reise als Nächstes geht: raus aus dem Bildschirm. Warum das Thema gerade für den Mittelstand mehr ist als Zukunftsmusik, erzählt er in der neuen Ausgabe der W&V-Kolumne „KI für Könner“.

Inhaltsverzeichnis

ChatGPT, Copilot, Claude Code: So wegweisend das für manche noch klingt, es ist ganz schön antiquiert. Wir bedienen die mächtigste Technologie unserer Zeit auf den Urenkeln von Schreibmaschine und Festnetztelefon. Die KI sitzt hinter dem Display fest. Sie textet, rechnet, malt Bilder – aber anfassen kann sie nichts und können wir sie auch nicht.

Der eigentliche Sprung kommt, wenn die KI das Display durchbricht: wenn sie sehen und greifen lernt. Fachleute nennen das „Physical AI“, die Verbindung von künstlicher Intelligenz mit der echten, physischen Welt. Das ist keine ferne Vision. Es ist längst ein Milliardenmarkt.

Auge in Auge mit der nächsten Stufe der Künstlichen Intelligenz

Wie nah das schon ist, habe ich auf besagter Robotics Night der Münchner Digitalberatung Nunatak Group wieder einmal gesehen. Da war der „pib“: ein 3D-druckbarer, modularer Roboter, der aus der Interaktion mit Menschen neue Gesten und Bewegungen lernt – und mir eben mal die Hand hinhielt.

Mann mit grünem T-Shirt hebt die Hände vor einen weißen humanoiden Roboter mit Bildschirm als Kopf
Auge in Auge mit dem „pib". Der 3D-druckbare Roboter lernt Gesten in Echtzeit – und gibt auch mal High five.

Daneben lief „Unitree Go“ autonom durch den Raum, machte Männchen und streunte um die Gäste herum wie ein neugieriger Hund.

Junger Mann in grünem T-Shirt und weißer Hose hockt lachend neben einem kleinen humanoiden Roboter auf dem Holzboden
Der Unitree Go bewegt sich selbstständig durch den Raum – halb Maschine, halb neugieriger Vierbeiner.

Man steht daneben und begreift körperlich, was auf dem Bildschirm abstrakt bleibt: Das ist kein Afterwork-Gag. Das weist den Weg, was übermorgen passieren wird.

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Ein Markt, der längst rollt – leider nicht bei uns

Ein Blick in den aktuellen „World Robotics Report“ vom Internationalen Verband der Robotik-Industrie macht das Tempo greifbar: 2024 wurden weltweit 542.000 neue Industrieroboter installiert, der weltweite Bestand liegt inzwischen bei 4,7 Millionen Einheiten. In nur vier Jahren hat er sich damit fast verdoppelt. 

Allerdings: Unsere Industrie hinkt wieder einmal hinterher. 74 Prozent der neuen Roboter gingen 2024 nach Asien, allein 54 Prozent nach China. Ganz Europa zusammen kommt nur auf 16 Prozent. Unser Ingenieurwissen mag erstklassig sein, doch unser Hang zum Perfektionismus bremst uns anscheinend schon wieder aus: Lieber jahrelang die letzte Norm klären, als etwas in die Breite bringen.

Das führt auch zu einer kulturellen Delle, die wir noch zu spüren bekommen werden. Während der humanoide Roboter in Asien schon Teil des Alltags wird, fremdeln wir hier noch mit Mähroboter oder Saugroboter – aus Sorge, einer von beiden könnte die Katze überfahren. 

Ob Ihr Unternehmen mit China Geschäfte macht oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Es geht um die Richtung, in die sich Wertschöpfung gerade verschiebt.

Der Satz des Abends: „It's not about legs"

Am meisten hängen geblieben ist mir ein Satz von Dr. Michael Suppa (Roboception), dessen Technik Robotern das Sehen und Greifen ermöglicht: „It’s not about legs.“

Nicht der Körperbau entscheidet über den Nutzen eines Roboters. Zwei Beine, vier Beine, Räder oder sogar in Gestalt eines fliegenden Wals, wie dieser sympathische Kompagnon – zweitrangig. Es kommt darauf an, ob die KI eine reale, ungeordnete Umgebung versteht und in ihr handeln kann. Ob sie begreift, was sie greift. Genau da liegt die harte Nuss, nicht in der Mechanik.

Warum der Roboter zuerst in die Fabrik kommt – nicht in Ihr Wohnzimmer

Das erklärt auch, warum Physical AI zuerst in Fabriken und Lagern einzieht und nicht daheim. In der Halle sind die Abläufe beschrieben, wiederholbar, standardisiert. Der Roboter weiß, was ihn erwartet. Und es kommt auch nicht mal eben Großmutter mit dem Rollator durchgefahren.

Auf dem Rücken liegende getigerte Katze auf Holzboden mit erhobenem Schwanz und nach oben gerichteten Pfoten
Emma, die Katze unseres Kolumnisten, lebt in einem (noch) roboterfreien Haushalt. Angesichts von >4kg Kampfgewicht ist es allerdings auch unwahrscheinlich, dass sie vom Saugroboter als ganzes eingesaugt würde.

Zu Hause ist das Gegenteil der Fall. Jede Wohnung ist anders, jeder Handgriff eine Ausnahme, und es bräuchte ein Universalwerkzeug für Millionen Sonderfälle. Dazu die ungelöste Haftungsfrage – wer zahlt, wenn der Roboter die Ming-Vase greift statt der Kaffeetasse? Für zu wenige echte Standardprozesse lohnt sich der Aufwand schlicht nicht. Der servierende Haushaltsroboter bleibt also noch eine Weile SciFi-Kino.

Für Unternehmen steckt darin die eigentliche Lehre: Der Hebel liegt dort, wo Prozesse sauber beschrieben sind. Wer seine Abläufe nicht dokumentiert, gibt weder der KI am Rechner noch später dem Roboter eine Chance.

Was Physical AI für den Mittelstand heißt

Vielleicht denken Sie jetzt: Schön und gut, aber ich versuche gerade erst, generative KI überhaupt zum Laufen zu bringen. Genau deshalb ist der Blick nach vorn wichtig. Physical AI gibt die strategische Richtung für die nächsten Jahre vor.

Es geht nicht darum, ab morgen Humanoide durchs Büro spazieren zu lassen. Es geht darum, jetzt die eigenen Kernprozesse daraufhin abzuklopfen, wo KI echten wirtschaftlichen Mehrwert schafft – heute durch Automatisierung am Rechner, morgen durch physische Anwendungen in der Produktion, der Logistik oder dem Office Management.

Und wie bei jeder disruptiven Technologie entscheidet am Ende nicht die Maschine, sondern der Mensch. KI zahlt sich nur dort aus, wo Menschen sie verstehen, ihr vertrauen und sie sinnvoll einsetzen. Wer heute nicht anfängt, seine Prozesse zu durchdringen, wird morgen nicht wissen, was er dem Roboter überhaupt in die Hand geben soll.

Widerspruch? Fragen? Ergänzungen? Ich freue mich auf Ihre Perspektive – gerne in den Kommentaren oder per Mail an timm.rotter@disruptive-muenchen.de

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