Drei nebeneinander angeordnete Fotos einer Bergstraße bei Sonnenuntergang, auf denen Autos mit Lichtspuren und Kiefern zu sehen sind, im Hintergrund Berge und ein teilweise bewölkter Himmel.

KI auf dem Forstweg

Unser Geschäftsführer und Gründer, Timm Rotter, geht in der neuen Folge seiner W&V-Kolumne „KI für Könner“ unter die Bauarbeiter. Er sagt: Beim Straßenbau können sich Firmen, die KI erfolgreich einführen wollen, einiges abschauen.

Inhaltsverzeichnis

Es war die KI-News der vergangenen Wochen: Mythos und Fable 5, die neuen KI-Modelle von Anthropic, sind so leistungsstark, dass der Konzern sie auf Anordnung der US-Regierung unter Verschluss halten muss. Diese begründet dies mit nationalen Sicherheitsgefahren durch die Super-KI.

Zweifellos spannend, aber wissen Sie was: Vergessen Sie es. Dass wir solchen Tech-Schlagzeilen viel zu viel Aufmerksamkeit widmen, ist der Hauptgrund, warum wir KI in Unternehmen nicht in den Alltag integrieren.

Lassen Sie es mich für die Autofahrernation Deutschland so formulieren: Die KI-Disruption gleicht einer zweispurigen Straße. Die linke, das ist die Fastlane der KI-Entwicklung: LLMs verdoppeln alle paar Monate ihre Performance. Kontextfenster fressen inzwischen Opas komplette Bücherwand. KI-Ingenieure erstellen achtmal (!) so viel Code pro Zeiteinheit wie noch im Schnitt der Jahre 2021 bis 2025. Und BigTechs müssen ihre Chatbots wegsperren, da sie angeblich zu mächtig werden.

Die zweite Spur ist dummerweise ein holpriger Forstweg mit Schlaglöchern und Engstellen. Das ist die Unternehmensrealität.

Darum scheitert KI-Implementierung in so vielen Firmen

Hier wird wochenlang diskutiert, welcher KI man vertrauen darf. Es gibt oft nur eine einzige Instanz, die Software zentral einkaufen kann. Das, was da ist, ist nur punktuell mit dem Firmenwissen gekoppelt. In jeder zweiten Firma wuchert Schatten-KI, und jedes Team bastelt isoliert an eigenen Pilotprojekten. Googeln Sie mal „More Pilots than Lufthansa“ – das ist längst ein AI-Meme.

Dass KI so selten den Produktivitätsturbo zündet, liegt nicht an der Technologie. Die Erklärung liefert ein Gesetz, das jede Informatikerin und jeder Informatiker kennt: „Amdahl’s Law“.

Frei übersetzt besagt es: Die Beschleunigung eines Gesamtsystems wird immer durch den langsamsten, sequentiellen Teil begrenzt.

Genau das erleben wir in KI-Projekten: Die KI-Leistung steigt exponentiell. Aber der Engpass wandert einfach einen Schritt weiter – zum Menschen. Das Abteilungs-Meeting, die Freigabe durch die Rechtsabteilung oder die manuelle Entscheidung im Management schleppen sich im alten, analogen Tempo dahin. Dieser langsame Teil deckelt den Gesamtdurchsatz. Kurz gesagt: Unsere Software fährt Formel 1, aber das Unternehmen zuckelt auf dem Traktor hinterher.

Hinweis
Bei Google sehen Sie neben den Suchergebnissen oft aktuelle News-Boxen. Wenn Sie disruptive als bevorzugte Quelle hinterlegen, bekommen Sie dort häufiger unabhängige und fundierte KI-Updates von uns angezeigt. Hier disruptive als bevorzugte Quelle hinzufügen. 

Diese vier Stolpersteine gibt es in den meisten Firmen

Wenn wir digitale Mitarbeitende und Agenten erfolgreich in bestehende Systeme integrieren wollen, stoßen wir immer wieder auf die gleichen vier Hürden:

  • Daten-Silos: Ein Agent, der keinen Zugriff auf Mails, Transkripte, Datenbanken oder das CRM hat, rät nur. Die Folge: Die Belegschaft ist genervt und weicht auf eigene, unsichere Tools aus – aka Schatten-KI.
  • Fehlender Kontext: Wenn die Logik hinter Prozessen nirgends strukturiert dokumentiert ist, bleibt die KI blind. Dabei geht es nicht nur um das grundlegende Firmenwissen: Dass die KI darauf Zugriff haben muss, haben inzwischen die meisten verstanden. Prozesse sind lebende Systeme – sie ändern sich täglich, weil jemand in Elternzeit geht oder ein Lieferant ausfällt. KI bekommt das nicht mit, weil sie vom Alltag entkoppelt ist. Bei uns nehmen wir deshalb mittlerweile alle Online-Meetings auf – auch die internen. Dort wird das meiste Alltagswissen geteilt.
  • Analoge Freigabe-Architekturen: Wenn jeder Teilschritt eines eigentlich automatisierten Workflows zwei Wochen auf das nächste Management-Meeting warten muss, steht das System still. Immer noch hat nur eine Minderheit der Firmen professionelle KI-Guidelines, ebenso fehlt die klare Rolle für die Schnittstelle aus Software und operativem Ablauf. Wetten, dass der „Chief AI Deployer“ in zwei Jahren ein Standardjob in Tech-Firmen ist?
  • Schein-Metriken im Reporting: Viele Unternehmen feiern eingekaufte Lizenzen oder einmalige Logins nach dem Kick-off. Diese Zahlen sagen nichts darüber aus, ob ein KI-Werkzeug die Arbeit revolutioniert. Wir müssen andere Fragen stellen: Wird das Tool proaktiv genutzt? Entstehen echte Team-Lösungen, die Workflows optimieren? Chatbot-Nutzung als KPI ist so was von 2023.

Der echte Hebel liegt auf dem Forstweg

Die Fastlane der KI-Tools können wir erst einmal ignorieren. Auf der Spur bleibt das Tempo ohnehin hoch. Die Herausforderung dort ist eher geopolitischer Natur: Wie gehen wir damit um, dass dort fast nur amerikanische und chinesische Anbieter unterwegs sind? Aber das ist ein anderes Thema.

Der echte Hebel für die Wirtschaft liegt auf dem Forstweg. Unser Job als Führungskräfte ist es, die Schlaglöcher in der eigenen Organisation zu beseitigen. Das Dumme: Diese Arbeit ist deutlich beschwerlicher, als auf der Fastlane mit den neuesten Modellen herumzuspielen und im Board-Meeting darüber zu philosophieren, ob Gemini nun besser ist als Copilot.

Am Ende gewinnen nicht die Firmen, die das um zwei Prozent bessere KI-Modell nutzen. Es gewinnen die, die ihren Forstweg teeren.

Ich freue mich auf Ihre Erfahrungen – gerne in den Kommentaren oder per Mail an timm.rotter@disruptive-muenchen.de. Ich bin dann mal wieder auf der Baustelle.

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